Ein einsamer Cowboy auf einer Landstraße zwischen schwebenden Pedal-Steel-Gitarren und vorwärts drängendem Wechselbass, mit dem Schub einer gut eingespielten Rhythmusgruppe im Rücken und einem markigen Liedlein auf den Lippen? Dies Rolle haben doch ganz klar die vielen Americana- und Countryhelden der US-Szene inne! Die Rockmusikanhänger kaufen sie hier zu Lande vielleicht noch einem Tom Petty ab. Statt dem gelassenen Geländeritt am Missouri nun aber die Kleinwagenfahrt am Nesenbach? Genach, er gibt seine Rolle überraschend gut, dieser KASHEW, alias Markus Kern, der als Drummer der Dorians bekannt ist und für sein Soloprojekt nun gar ein paar Profis des Country-Schrammelns in Nashville um sich geschart hat. Unter dem Titel COME WITH ME sind zwölf erstaunliche Songs dabei herausgekommen, die durchweg farb- und gefühlsecht wirken. Eigentlich unglaublich das, aber die gelungene Scheibe will immer wieder aufgelegt sein.
Man kann da alles außer hochdeutsch. Mmmh, und wie sieht's dort aus mit "rocken"? Klar, kann man auch. Machen auch schon viele. Ok, und was ist mit Country? Häh, was? Ach so, das käme natürlich auf den Versuch an. Toll, aber das geht doch nur auf Änglisch, ähem, ich mein' Amerikanisch, oder? Richtig, mal schauen, ob's ein gelernter BaWü'ler auf U.S.-Style hinkriegt. (...) also probieren wir's doch einfach mal: Abgefahrene Ideen, lohnende Experimente, Wunschträume - die sollte man in die Praxis umsetzen, oder?! So geschehen durch KASHEW - alias Markus Kern, Schlagzeuger von Capewalk - und Tobias Kurrle, Produzent (sowie Gitarrist u.a. bei ARARAT). Studio, inkl. Studio-Sessionmusiker, und Flüge in bzw. nach Nashville gebucht, rübergedüst und in zwei Tagen zehn Songs im Kasten. Diese Geschichte ist die Basis für vorliegende Platte. Natürlich kamen da noch zwei in Good 'ol Germany aufgenommene Stücke hinzu, ebenso der Gesang usw. So wurde aus all den verrückten Ideen und feinen Zutaten letztlich das, was wir jetzt als "come to me" in den Player schieben können. - Erfreulicherweise ist es mal kein Label-Auftrag, auch kein "wir-wollten-unbedingt-mal-dieses-Genre-bedienen"-Werk, sondern ein reines "aus-Spaß-an-der-Freude"-Produkt. Dieser Geist legte sich auf die Musik, die einem vom ersten Ton an packt! Auch wenn die CD sicher in dieser Form eine Premiere ist, so ist Markus Kern doch nicht der erste, der seine Lieder von amerikanischen Country-Sessionmusikern einspielen ließ. Altmeister Manfred Siebald macht es seit Jahren schon und entsprechend gut klingen seine Liedermacher-Lieder. Wenn man das bei einem - deutsch-textenden - Amerikanistik-Professor vielleicht irgendwie nachvollziehen kann, so liegt es beim Schlagzeuger einer deutschstämmigen Rockband aus Süddeutschland nicht unbedingt auf der Hand(...) Doch wie schaffen es die eigentlich meist gesetzten älteren Herren in irgendeinem der viel zu vielen Nashviller Studios soooo "live" zu klingen nach Südstaaten, Bible-Belt und den Weiten der amerikanischen Prärien und alledem? Wir wissen es nicht, es wird vermutlich ihr Geheimnis bleiben, auch für kommende Zeiten. Was wir wissen - und hören - sind zwölf hammerstarke Lieder, die ordentlich Groove und genügend "Profil auf der Sohle" haben und somit ein Gefühl DER amerikanischen Volksmusik rüberbringen. Zur Musik kommen natürlich Einflüsse von Modern- und Alternative-Rock (Bsp. "GOLDen ages", # 7), damit das ganze noch origineller abgeschmeckt ist. Die Würze für die Lieder sind nicht allein die beteiligten Musiker, sondern in erster Linie die tolle Stimme von KASHEW alias Kern: rauh und tief, mit viel "Volumen". Das klingt so authentisch, daß man meint, er wäre schon seit zwanzig Jahren Sänger bei den Lost Dogs oder einer ähnlichen Combo. Da kann man nur den Hut ziehen! Apropos Musiker, ein paar darf man doch nennen: Tony Paoletta (u.a. Dixie Chicks; Over the Rhine), Don Kerce (u.a. Aaron Neville) sowie Gastsängerin Stefanie Neumann (trinity). Die Songs begeistern durch klar herausgearbeitete Songsstrukturen mit klassischem Refrain bzw. einer Hookline. Es ist moderner "Country", aber nicht zu episch, schließlich soll die Musik in erster Linie Spaß machen. Es geht bei den Inhalten um die Reise mit der Musik ("come with me", # 1), natürlich die Freiheit ("freedom", # 2) aber auch Beziehungen, oder gar Sozialkritik, wie im Larry Norman-Cover "the great American novel" (# 12). Nicht immer erschließen sich die Liedtexte, ähnlich wie bei manchen älteren Capewalk-Stücken. Sogenannten "christlichen Inhalt" sucht man vergebens, bis auf die Anklänge im Norman-Song, der sich jedoch konkret mit amerikanischer Religiösität bzw. Heuchelei beschäftigt. Während viele US-Country-Produktionen mit einem irgendwie religiös angesiedeltem Gestus turteln, aber in Wirklichkeit nichts glaubensmäßig vorhanden ist, zeigt diese "fremdländische" Country-Scheibe, daß es in diesem Genre durchaus auch "neutral" zugehen kann und darf. Und das hat dann auch mal etwas von Freiheit (...) Fazit: Egal ob mit oder ohne Hut, 's Ländle rockt! Dieser Klischeebefreite "Schwarzwald-Country" macht einfach nur Laune, sei es beim Autofahren, im Heimischen Wohnzimmer oder wo auch immer: in jeder Hinsicht geerdete, handgemachte Musik für Liebhaber der etwas beschwingteren, rauheren und "cooleren" Klänge!
(...) Hut ab! Amerikanisch, wie es kaum authentischer klingen könnte, sind die 12 Songs gelungen. Keine Spur von Gewollt-und-nicht-gekonnt, sofern ich das mit meinen nicht auf Countrymusik spezialisierten Ohren einschätzen kann. Vom Stil her in die elektrifizierte Ecke des Country einzuordnen, sind Tradition und zeitgemäße Soundvorstellung eine gute Mischung eingegangen. Textlich geht es vor allem um die kleinen Dialoge und großen Gesten - also durchaus um Typisches. Ein Debüt, welches sich im großen Chor der Countrymusikszene hören lassen kann.
Markus Kern spielt bei "Capewalk" und "Crushead" Drums, kommt aus der Stuttgarter Ecke und ist Realschulehrer für die Fächer Englisch, Sport und Religion. Letzten Dezember veröffentlichte er unter seinem Künstlernamen "KASHEW" nach einer USA-Reise ein Countryalbum aller erster Güte. SOUND7.DE hatte die Gelegenheit, ihn zu treffen und mit ihm über die Hintergründe eines nicht ganz alltäglichen Projekts zu sprechen.
KASHEW, Kerni, Markus. Wie redet dich eigentlich deine Freundin an?
Das kommt darauf an, was ich gerade angestellt habe.
KASHEW, du schreibst im 21. Jahrhundert Country-Songs, fliegst tausende von Kilometern und nimmst mit einer Hand voll Profimusikern und einem guten Freund ein waschechtes Countryalbum auf. Bist du ein Freak?
Glaub nicht. Ich hatte einfach eine Idee und bekam die Möglichkeiten, diese in die Tat umzusetzen. Da ist nichts Freakiges dran, ich empfinde es vielmehr als ein Privileg, dass ich das alles so machen konnte und bin sehr dankbar für diesen Film.
Spulen wir den Film mal zwei Jahre zurück. Ich meine, wie kommt man auf so eine Idee?
Ich saß mit meinem Kumpel Toby im Biergarten und wir quatschten uns so lange durch die Musikszene, bis im Laufe des Abends die Idee geboren wurde und am Ende des Abends im Prinzip das ganze Konzept fertig war.
Und da setzt ihr euch einfach in den Flieger und fliegt los. Was ist das für ein Gefühl, mit Westerngitarre und Cowboyhut in Texas Airport zu landen?
Also, erst mal besaß ich bei der Landung noch keinen Cowboyhut und zweitens sind wir ganz unspektakulär in Atlanta gekommen. Dort haben wir uns einen Camper geschnappt und sind erst mal ein paar Tage durch Tennessee gekurvt und haben nach dem wahren "Country Spirit" Ausschau gehalten. Erst dann ging's nach Nashville ins Studio.
Inspiriert einen so ein Studio in Nashville, Countrysongs zu schreiben, oder hattest du die Stücke schon vorher fertig?
Die waren vorher schon grob fertig. Ich bin ständig am Songs schreiben und so musste ich nur in die Schublade greifen. Aber den entscheidenden "Vibe" haben tatsächlich die Musiker in Nashville hinzu gegeben.
Konntest du ein bisschen was aufsaugen von dem "American Way to produce music"? Wo sind Unterschiede zu "Good old Germany"?
Allein in Nashville leben über 5.000 Profimusiker, die täglich beschäftigt sein wollen. Die Qualität und das Tempo dieser Musiker im Studio ist einfach unglaublich(...) ist auch einleuchtend, wenn's nicht gleich funzt, steht der nächste zehn Minuten später da und haut's rein. Auch auffallend war die strikte Trennung von Studiomusikern, Live-Performern, Technikern und Produzenten. Jeder hat seinen genau definierten Job, da sind bei uns die Grenzen fließender. Und dann wäre noch zu erwähnen, dass sich Musiker in Nashville nicht wirklich als "Künstler", sondern vielmehr als "Dienstleister" fühlen. Der Musiker hat einfach zu üben und einen guten Job zu machen. Dadurch kann man sehr angenehm Arbeiten und muss nicht auf die Zicken einer divenhaften Möchtegernkünstlerfigur achten.
Zurück in Deutschland, wie war die Resonanz bisher?
Ich bin doch ziemlich erstaunt, wie viele Leute so plötzlich auf Country stehen. Häufige Reaktion: "Hey, super Platte. Weißt du, ich steh schon immer auch auf Country, ich mag die Mucke voll, hab jetzt auch eine Johnny Cash-Platte gekauft."
Aber, es freut mich natürlich total, dass einige Leute auch KASHEW hören, Spaß dabei haben und entspannt genug sind COME WITH ME zu mögen. Und wenn sich dadurch einige Leute Johnny Cash-Platten kaufen, dann ist das prima.
Die Texte sind erstaunlich vielfältig auf dem Album, aber im Wesentlichen erzählen sie, wie es bei Countrysongs eben üblich ist, Geschichten. Inwieweit sind sie persönlich inspiriert?
Witzigerweise fällt mir im Nachhinein auf, dass so ziemlich alle Texte mit mir zu tun haben. Darüber war ich mir ehrlich gesagt beim Schreiben gar nicht so bewusst. Aber auf dem Album sind tatsächlich kleine Geschichten zu finden, die ich selbst erlebt oder erfahren habe und die wohl doch einiges über mich verraten.
Insbesondere beim Larry Norman-Cover "Great American Novel" ist die Rede von Gott. Kann man den Song auch programmatisch für den Inhalt des Albums sehen? Welche Rolle spielt Gott in deinem Leben?
"Great American Novel" ist hauptsächlich ein ziemlich Amerika-kritischer Song, der mich schon seit Jahren bewegt. Klar wäre Larry nicht Larry, wenn kein klares Statement zu Gott drin wäre. In meinen Lyrics geht es um unterschiedliche Lebenssituationen, in denen man Gott durchaus erkennen kann. Gott ist für mich die Basis des Lebens, der Grund und Auslöser für das Leben und Chefdirigent für alle Lebenssituationen. Ich kann Gott in den Geschichten in meinem Leben und auch in den Erfahrungen anderer Menschen erkennen. Deshalb sind mir diese Geschichten so wichtig. Ich halte wenig davon, in missionarischem Eifer in abstrakter Weise ständig über Gott zu schreiben, viel interessanter sind für mich die Stories, die das Leben schreibt und besonders jene, die oft beim ersten Blick nichts mit dem Glauben zu tun haben. Ich glaube für mich, dass Gott genau dort zu suchen und zu finden ist.
Für die Leser, die noch nicht die Gelegenheit hatten, in dein Album reinzuhören. Wie klingt es?
Es ist Musik, die man gerne hört, wenn man versteht, sich locker zu machen.
Würdest du mir zustimmen, wenn ich meine, der Begriff "Countryalbum" trifft nicht den kompletten Charakter des Albums, weil es an der ein oder anderen Stelle doch eher folkig klingt?
Stimme ich dir zu. Mir geht's so, wenn ich reine Countryplatten höre, dann krieg ich nach einer halben Stunde den Föhn. Deshalb wollte ich gerne für etwas nette Abwechslung sorgen.
Das Album ist jetzt ein halbes Jahr auf dem Markt, wann sehen wir KASHEW live und was darf man dann erwarten?
KASHEWs Debut fand sozusagen bei "Rock in the Ruins" statt, wo ich kurz zwei Songs gespielt habe. Aber es kommen tatsächlich schon Anfragen rein und ich sollte mir in nächster Zeit tatsächlich überlegen, was ich mit Herrn KASHEW live anstellen werde. Derzeit hab ich aber mit "Capewalk" und "Crushead" noch ordentlich zu tun, deshalb muss der Beginn des Country-Tourings noch ein klein bisschen warten.
Fliegst du als nächstes in die Karibik, um ein Reggeaalbum aufzunehmen? Oder wohin geht es als nächstes?
Nö, Karibik ist mir zu heiß und für Reggae bin ich zu weiß. Aber ich bin ab und zu mit Toby im Biergarten, und man weiß nie, was da als Nächstes rauskommt(...)
(...) Das ist Country, wie er amerikanischer nicht klingen könnte. Pedal steel, Fingerpickings, Walking Bass unterlegt mit Offbeat-Rhythmen und Snare-Ghostnotes. Dazu singt "KASHEW", als hätte er nie etwas anderes gemacht als Countrysongs zum Besten zu geben. Rauchig, satt und tief, tiefer am tiefsten bringt er die Tracks im breitesten American-Slang-English, das Deutschland wohl seit George W. Bushs Rede vor dem Bundestag 2002 nicht mehr gehört hat, zum Klingen. Die Soundqualität ist allerdings noch besser, denn sauber und professionell produziert ist die Scheibe allemal, mit Liebe zum Detail arrangiert und abwechslungsreich in den Sounds. An der ein oder anderen Stelle vielleicht etwas zu poppig, würde der eingefleischte Countryfan sagen, aber der gehört offensichtlich auch nicht zur Zielgruppe. Die dürfte sich wohl eher auf experimentierfreudige Liebhaber guter, handgemachter und abwechslungsreicher Popmusik erstrecken(...) COME WITH ME entführt den Zuhörer auf höchstem musikalischen Niveau in die endlosen Weiten Amerikas und kann dabei mit Freakappeal, Abwechslungsreichtum und einfach schönen Melodien und Texten glänzen. (...)